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Schlaglicht

Steuern, Standort, Unternehmensstrategie –
Wie wettbewerbsfähig sind Deutschlands Steuer-, Zoll- und Investitionspolitik?

Christian Kaeser

Global Head of Tax | Siemens AG
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Deborah Schanz

Institut für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre | Ludwig-Maximilians-Universität München
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Caren Sureth-Sloane

Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebswirtschaftliche Steuerlehre | Universität Paderborn und WU Wien
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Steuern, Zölle und Regulierung greifen tief in Preisbildung, Lieferketten, Liquidität und strategische Entscheidungen von Unternehmen ein. In einer Phase geopolitischer Spannungen und zunehmender Fragmentierung der Weltwirtschaft wird deutlicher denn je: Steuerpolitik ist Standortpolitik. Doch wie wettbewerbsfähig ist Deutschland in diesem Umfeld noch?

Hohe Steuerbelastung und fehlende Verlässlichkeit hemmen Investitionen

Deutschland gehört weiterhin zu den wirtschaftlich starken Industrie­nationen, verfügt über ein dichtes Netz an Doppelbesteuerungsabkommen und stabile Institutionen. Gleichwohl mehren sich die Signale aus Wissen­schaft und Praxis, dass sich die Gewichte relevanter Standortfaktoren ver­schieben. Nicht die Höhe der Steuersätze allein entscheidet über Investi­tionen, sondern das Zusammenspiel aus Komplexität, Planungssicherheit und administrativer Effizienz.

Steuerpolitik ist Standortpolitik.

Gerade hier zeigt sich eine strukturelle Schwäche Deutschlands. Unter­nehmen berichten übereinstimmend, dass Unsicherheit zum zentralen Investitionshemmnis geworden ist, mehr noch als die Steuerbelastung selbst. Häufige Gesetzesänderungen, uneinheitliche Umsetzung euro­päischer Vorgaben und politisch motivierte Eingriffe erschweren die lang­fristige Planung. Hinzu kommt eine wachsende Regelungsdichte, die (unnötige) Ressourcen bindet und insbesondere mittelständische Unter­nehmen überproportional belastet.

Internationale Steuerregeln und Zölle verschärfen den Standortwettbewerb

Internationale Entwicklungen verstärken den Druck. Handelskonflikte und Zölle wirken nicht nur auf Preise, sondern beeinflussen Waren- und auch Investitionsströme. Doch gerade diese langfristigen Anpassungen be­nötigen Planungssicherheit, die derzeit vielfach fehlt.

Zugleich geraten internationale Steuerregeln selbst zum Wettbewerbs­faktor. Die globale Mindestbesteuerung etwa hat das Ziel eines „Level Playing Field“ bislang nur unzureichend erreicht, verursacht jedoch er­hebliche Compliance-Kosten. Parallel bestehende Anti-Missbrauchs­regeln verstärken die Komplexität, ohne klaren Zusatznutzen zu ge­nerieren. Auch Quellensteuern wirken in der Praxis häufig als Liquiditäts- und Investitionshemmnis, da Erstattungsverfahren insbesondere in Deutsch­land ineffizient und langwierig sind. Und Deutschland bleibt ein Höchststeuerland für Unternehmen. So ist es beispielsweise für Kapital­gesellschaften, gemeinsam mit Japan, das Land mit der weltweit höchsten Besteuerung ihrer Gewinne.

Nicht die Höhe der Steuersätze allein entscheidet über Investitionen, sondern das Zusammenspiel aus Komplexität, Planungssicherheit und administrativer Effizienz.

Ein strukturelles Problem liegt zudem in der europäischen Ausgestaltung: Während andere Wirtschaftsräume verstärkt auf steuerliche Anreize setzen, dominiert in Deutschland und Europa ein regulativer Ansatz. Dies führt zu höheren administrativen Lasten und einem weniger investitions­freundlichen Klima.

Dabei sind Steuern nur einer von mehreren Standortfaktoren. Für Unter­nehmen stehen Infrastruktur, Verfügbarkeit von Arbeitskräften sowie Arbeitsmarktbedingungen und Energiepreise regelmäßig vor steuerlichen Einzelfaktoren. Dennoch spielt das Steuersystem eine wichtige Rolle: Die Kombination von hoher Steuerbürokratie und hoher Steuerbelastung wirkt sich messbar nachteilig auf Investitionen eines Landes aus. Steuern sind ein Standortfaktor, der im Vergleich zu Fachkräftemangel oder hohen Energiepreisen schneller und einfacher durch die Politik verändert werden kann.

Steuer- und Zollfragen werden zum Bestandteil strategischer Unternehmenssteuerung

Unternehmen haben in dieser Gemengelage vielfältige Möglichkeiten, sich an die geänderten Bedingungen anzupassen. Oft ist es dabei unabdingbar, sich organisatorisch und prozessual neu aufstellen. Steuer- und Zoll­fragen sind nicht länger reine Compliance-Themen, sondern rücken in den Kern der Unternehmensstrategie. Die Steuer-, Zoll-, Finanz- und opera­tiven Funktionen müssen besser verzahnt werden. Fragmentierte Zuständigkeiten führen in einem volatilen Umfeld zu Inkonsistenzen und Fehlentscheidungen. Resilienz wird zum Leitprinzip unternehmerischen Handelns. Diversifizierte Lieferketten, Lageraufbau und redundante Kapazitäten sind keine Ineffizienzen mehr, sondern Absicherungen gegen politische und steuerliche Schocks.

Steuer- und Zollfragen sind nicht länger reine Compliance-Themen, sondern rücken in den Kern der Unternehmensstrategie.

Um in dieser komplexen und geopolitisch oft instabilen Welt flexibel und vorausschauend agieren zu können, ist für Unternehmen die Verfügbarkeit von umfassenden (Echtzeit-)Daten unabdingbar. Diese werden zunehmend zur Voraussetzung für eine strategische Steuerung und erlauben es, steuerliche und zollrechtliche Auswirkungen in Echtzeit zu analysieren. Während große Konzerne entsprechende Systeme aufgebaut haben, fehlt diese Grundlage im Mittelstand häufig. Dies hat zur Folge, dass Entscheidungen unter erhöhter Unsicherheit getroffen werden müssen.

Weniger Bürokratie und mehr Planungssicherheit stärken den Investitionsstandort

Nicht nur Unternehmen sind in der aktuellen geopolitischen Lage auf­gerufen zu überprüfen, ob sie ausreichend in der Lage sind, flexibel strategisch zu steuern. Auch die Politik muss durch Reformen die Standortattraktivität für Unternehmen erheblich verbessern. Die Handlungs­spielräume der Unternehmen bleiben begrenzt, wenn die Rahmen­bedingungen weiter an Komplexität und Unberechenbarkeit gewinnen.

Es bedarf einer umfassenden Reduktion von Steuerbürokratie und -komplexität. Viele Vorschläge liegen vor, beispielsweise von der Expertenkommission „Vereinfachte Unternehmensteuer“. Hierzu gehören die Vereinfachung der Gewerbesteuer, Decluttering bei überbordender Anti-Missbrauchsregulierung, eine Reduktion ausufernder Doku­mentations­pflichten zu Verrechnungspreisen oder Entlastung bei der Globalen Mindeststeuer. Die Vereinfachungen dienen dazu, unnötige Bürokratiekosten bei Steuerpflichtigen abzubauen und zugleich die Finanzverwaltung zu entlasten, die einerseits mehr und mehr Aufgaben bewältigen muss, zugleich mit massiv sinkendem Personalbestand die bestehenden Aufgaben zunehmend weniger bewältigen kann. Erste Entlastungsreformen gibt es bereits auf deutscher und europäischer Ebene, mit Bürokratieentlastungsgesetzen und dem EU-Steueromnibus. Doch bisher sind die Schritte zu zögerlich.

Auch die Verlässlichkeit und Planungssicherheit für Unternehmen müssen gestärkt werden, um Investitionen in Deutschland zu erhöhen. Instru­mente zur effizienten Streitbeilegung wie verbindliche Auskünfte, Verständigungsverfahren oder Joint Audits existieren bereits, werden jedoch noch zu wenig genutzt oder sind ineffizient ausgestaltet. Bei Außenprüfungen sollte eine Wesentlichkeitsgrenze eingeführt werden. Ergänzend trägt ein stärker kooperativer Ansatz zwischen Unternehmen und Finanzverwaltung dazu bei, Konflikte zu vermeiden und Vertrauen aufzubauen. Für diesen Weg ist ein Mindset Shift in der Finanzverwaltung, aber auch bei Unternehmen nötig.

Die Steuerpolitik sollte stärker auf strukturelle Entlastung statt auf unsystematische Einzelreformen setzen. Sie sollte dabei vor allem Maßnahmen in den Vordergrund stellen, die Unternehmen in der Trans­formation entlasten. Denn neben den geopolitischen Verwerfungen sorgen auch andere Auslöser wie die rasant steigende Bedeutung von Künstlicher Intelligenz für Geschäftsmodelle und Unternehmensprozesse für (temporäre) Verluste. Zur steuerlichen Stabilisierung würden als wich­tigste Maßnahmen eine verbesserte Verlustverrechnung und Erleichte­rung von Umstrukturierungen beitragen. Bei den Reformen benötigen Unternehmen Sicherheit – temporäre Einführungen und Abschaffungen wie bei der degressiven Abschreibung bewirken das Gegenteil. Die Wirkung der Reformen hängt von geringen administrativen Bürden ab. Gerade die Erfahrung mit der steuerlichen Forschungsförderung zeigt, dass gut gemeinte Instrumente ohne eine bürokratiearme, praktikable Aus­gestaltung ihre Wirkung zu wenig entfalten können.

Weniger Komplexität und Bürokratie, mehr Verlässlichkeit und ein klares Verständnis von Steuerpolitik als Standortpolitik sind notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschlands wieder herzustellen.